10. Mai 2006 - MTBE ist zu einem Wasserproblem geworden
MTBE ist zu einem Wasserproblem geworden
Mai 2006
TerraTech 5/2006
Fachsymposium in Köln bündelt derzeitige Erfahrungen
Das dritte BEST-Symposium der Bauer Umweltgruppe am 21. März in Köln war dem MTBE gewidmet – einem Stoff, der als Benzinadditiv das umweltfreundlichere bleifreie Benzin möglich machte und der jetzt selbst als Umweltschadstoff im Wasser Probleme bereitet. Chemisch-physikalische Eigenschaften von MTBE und seinem Nachfolger ETBE, rechtliche Probleme, Sanierungsverfahren und Erkenntnisse aus der Praxis waren die Schwerpunkte der Veranstaltung.
Das Kölner Schokoladenmuseum bot als Veranstaltungsort eine süße Umgebung, die Erkenntnisse über einen neuen Problemstoff im Wasser gingen eher in die Geschmacksrichtung „bitter“: Die BAUER Umweltgruppe mit den Unternehmen Bauer+Mourik Umwelttechnik und FWS Filter- und Wassertechnik widmete ihr drittes BEST-Symposium dem MTBE, einem zur Stoffgruppe der Oxygenate gehörenden Additiv zur Erhöhung der Klopffestigkeit für Ottokraftstoffe. Die Moderation der mit rd. 80 Teilnehmern gut besuchten Veranstaltung lag bei Dipl.-Ing. Wolfgang Tillmann, Leiter der seit elf Jahren bestehenden Kölner Niederlassung in Hürth. Hier werden seit der Eingliederung der FWS Filter- und Wassertechnik in die Bauer Umweltgruppe die Belange des Wassers und des Bodens in gleicher Weise vertreten.
Kölns Umweltdezernentin Dr. Ursula Christiansen wies in ihrem Grußwort darauf hin, in welchem Maße die Domstadt am Rhein von dieser Thematik tangiert werde. Zwei Drittel des Stadtgebietes der größten Industriestadt Nordrhein-Westfalens sind als Trinkwasserschutzzone ausgewiesen, und es gehe darum, das Konfliktpotenzial dieses bisher nicht so bekannten Schadstoffs frühzeitig zu erkennen. Ihr Dezernat bearbeitet derzeit einen konkreten MTBE-Schadensfall.
Dr. Dieter Stupp vom gleichnamigen Consultingbüro DSC stellte die chemisch-physikalischen Eigenschaften eines Stoffes vor, der zur Umweltverbesserung (Luft) angetreten war und der jetzt als Umweltschadstoff (Wasser) ins Gerede gekommen ist. Den Erkenntnisstand dieses in großen Mengen eingesetzten Benzinadditivs und die möglichen Sanierungsverfahren, Gegenstand seines zweiten Vortrags in Köln, finden Sie in einem gesonderten Beitrag ab Seite XX dieser Ausgabe.
MTBE ist ein sauerstoffhaltiges Additiv, hergestellt aus Methanol und Isobuten, das fast ausschließlich zur Verbesserung der Klopffestigkeit von Vergasermotoren eingesetzt wird. Aufgrund dieser Eigenschaft zur Erhöhung der Oktanzahl hat es das giftige Bleitetraethyl abgelöst und die Einführung bleifreien Benzins möglich gemacht. Während des Zweiten Weltkriegs war in den USA die hohe Klopffestigkeit von MTBE entdeckt worden. Seine zweite Eigenschaft, durch seinen Sauerstoffgehalt eine vollständigere Verbrennung der Kraftstoffe in Vergasermotoren zu bewirken und dadurch die Emissionen von CO und Benzol deutlich zu verringern, führten in den von Smog bedrohten amerikanischen Bundesstaaten zum großtechnischen Einsatz als Benzinadditiv: Zur Bekämpfung der verkehrsbedingten Luftverschmutzung in den Ballungsgebieten wurde im sog. Clean-Air-Act (1992) der Zusatz von MTBE in der Größenordnung von über 15 % vorgeschrieben und damit die Massenproduktion des Stoffs eingeleitet – MTBE als Luftverbesserer.
Aber schon 1995 fand man MTBE in Kalifornien in den ersten Trinkwasserbrunnen. Der Stoff, der weltweit zu den meist produzierten Chemikalien gehört, besitzt eine gute Wasserlöslichkeit von bis zu 50.000 mg/l, einen hohen Dampfdruck, eine geringe Henry-Konstante und ist schlecht mikrobiell abbaubar. Dem relativ raschen Abbau durch Hydroxylradikale in der Atmosphäre steht seine weitgehende Persistenz nach Eintrag in Boden und Grund- oder Oberflächenwasser gegenüber. Besonders auffällige toxische und ökotoxische Wirkungen sind nach Angabe des Umweltbundesamtes nicht bekannt, nach europäischem Gefahrstoffrecht liegt eine Legaleinstufung nur als „leicht entzündlich“ und „Reizt die Haut“ vor. Im Rahmen der europäischen Risikobewertung wird eine Einstufung als „umweltgefährlich“ nicht vorgeschlagen. Zurzeit wird MTBE auch nicht gesetzlich verbindlich als kanzerogen für den Menschen eingestuft. Die Probleme für die Trinkwasseraufbereitung resultieren vorwiegend auf den niedrigen Geruchs- und Geschmacksschwellen, die menschliche Nase spricht bereits auf Konzentrationen ab etwa 15 µg/l an.
Seit 2003 ist die Verwendung von MTBE als Benzinzusatz in Kalifornien verboten, insgesamt 26 Bundesstaaten folgten oder prüfen derzeit ein Verbot. Das hängt u.a. mit den im amerikanischen Rechtssystem astronomisch hohen Schadensersatzforderungen zusammen; gegen Mineralölgesellschaften sind Klagen anhängig, die in die Größenordnung von Milliarden Dollar reichen.
In Deutschland, wo MTBE seit Mitte der 80er-Jahre in großem Stil eingesetzt wird, wurden auf Initiative einiger Bundesländer 1999 erste Grundwasseruntersuchungen auf MTBE durchgeführt, 2000 stellte man den ersten Schadensfall in einer norddeutschen Trinkwassergewinnung fest. Messprogramme zeigen, dass MTBE in Oberflächengewässern nahezu ständig auftritt. Zusätzlich findet man es in Grundwässern besonders in städtischen oder stadtnahen Gebieten und unter verkehrsreichen Flächen. Dies deutet darauf hin, dass diese Belastungen auf den Straßenverkehr zurückzuführen sind. Neben diesem Produktverbrauch gibt es aber auch Gefährdungen mit hohen Belastungen durch defekte Tankstellen oder Havarien. Obwohl durch die in Deutschland üblichen doppelwandigen Treibstofftanks und die weitere Ausrüstung der Tankstellen mit Gaspendelung und Saugrüssel die Gefahr von Grundwasserschädigungen größeren Ausmaßes theoretisch als nicht zu hoch einzuschätzen ist, gibt es derartige Schadensfälle. Schirmer, Effenberger et al. berichten über die Untersuchung von Benzinschadensfällen an Tankstellen und Tanklagern in Sachsen, Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern [1]. An fünf von zehn Standorten wurden im Grundwasser im unmittelbaren oder weiteren Abstrom MTBE-Gehalte >20 µg/l gefunden; die gemessenen Konzentrationen in Grundwasserproben dieser Standorte lagen zwischen 29 und 87.800 µg/l. Gehalte von wenigen hundert ng/l konnten mit dem sensiblen Verfahren der Festphasen-Mikroextraktion an allen zehn Standorten nachgewiesen werden. Bemerkenswert ist, dass in mindestens drei der untersuchten Fälle die MTBE-Belastung an neueren, nach 1990 errichteten oder umgebauten Tankstellen gefunden wurde [1].
Da bei dem großen Tankstellensanierungsprogramm in den 90er-Jahren nicht auf MTBE untersucht wurde, kann man darüber spekulieren, an wie vielen sanierten Tankstellen sich MTBE-Belastungen im Grundwasser befinden. Schirmer und Effenberger fordern, MTBE zumindest bei Benzinschadensfällen in das Analysenprogramm aufzunehmen. Zur Routine gehört dies zurzeit nur in den Bundesländern Bayern und Rheinland-Pfalz.
Die Produktion von MTBE in Deutschland wird (oder besser wurde) auf etwa 700.000 t/a geschätzt. Inzwischen wird nämlich MTBE durch ETBE (Ethyltertiär-Butylether) ersetzt, das aus der Reaktion von Ethanol (aus Biomasse) mit Isobuten, einer Nebenkomponente bei der Erdölverarbeitung, hergestellt wird. Gründe dafür sind eine Vorgabe der EU zur Befreiung von Benzinzusatzstoffen auf Basis nachwachsender Rohstoffe von der Mineralölsteuer und die EU-Richtlinie 2003/30/EG zur Förderung der Verwendung von Biokraftstoffen oder anderen erneuerbaren Kraftstoffen im Verkehrssektor, nach der bis Ende 2010 Kraftstoffe einen Anteil von 5,75 % an Biokraftstoffen enthalten müssen. Da ETBE biologisch erzeugtes Ethanol enthält, im Gegensatz zum Methanol aus fossilen Rohstoffen beim MTBE, haben fast alle deutschen Hersteller ihre Anlagen auf ETBE umgestellt. Für die Umwelt erwächst daraus allerdings kein Vorteil, die Eigenschaften der beiden Stoffe sind zu ähnlich.
MTBE-Schäden aus rechtlicher Sicht beleuchtete Dr. Thomas Gerhold von der Kölner Sozietät avocado Rechtsanwälte, Obmann des ITVA-Rechtsausschusses.
Er ordnete MTBE-Schäden der Ablaufroutine der deutschen Bodenschutzgesetzgebung (BBodSchG und BBodSchV) zu und erläuterte die rechtliche Situation bezgl. der Begrenzung der Zustandsstörerhaftung nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2000, die Störerauswahl, den Sanierungsumfang, die Abgrenzung zwischen Bodenschutz- und Wasserrecht; dies alles vor dem Hintergrund, dass die Diskussion über MTBE als Wasserschadstoff noch relativ jung ist und fast keine Sanierungserfahrungen vorliegen. Da es für MTBE keine Prüf- und Maßnahmenwerte gibt, dürfte jeder Fall eine Einzelfallprüfung erfordern. Die LAGA hat eine Geringfügigkeitsschwelle von 15 µg/l gesetzt, wobei GFS nicht mit einer Gefahrenschwelle gleichgesetzt werden dürfen. An dieser Stelle kritisierte Gerhold die mangelnde Unterscheidung zwischen vor- und nachsorgendem Grundwasserschutz. Der LAWA-Wert beruht auf den Geruchs- und Geschmacksproblemen bei Trinkwasser; bei einer Gefahrenabwehr kann ein „Sanierungsziel Geringfügigkeitsschwelle“ nicht verlangt werden.
Keine abschließende Beurteilung fand der Referent für die Frage einer möglichen Nachhaftung, er sieht die Vermeidung von Doppelsanierungen als neue Aufgabe. Das zwischen 1995 und 2000 weitgehend abgeschlossene Tankstellensanierungsprogramm hat MTBE nicht betrachtet. Können dort nach neueren Erkenntnissen vielleicht Nachforderungen mit einer Pflicht zur erneuten Sanierung erwachsen? Zu prüfen sind die Sperrwirkung früherer Sanierungsanordnungen (Anordnung als ausschließlich belastender Verwaltungsakt) und die Bindungswirkung durch eine Sanierungsbestätigung der Behörde (begünstigender Verwaltungsakt). Bedeutet das Bekanntwerden neuer Schadstoffe eine Änderung der Verhältnisse? Gibt es durch einen öffentlich-rechtlichen Sanierungsvertrag eine vertragliche Freistellung? Im BBodSchG ist jedenfalls ein Vertrauensschutz als Ausfluss des Rechtsstaatsprinzips verankert. Möglich ist auch eine Begrenzung durch den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Nach genauer Betrachtung der wirtschaftlichen Verhältnisse ist zu prüfen, ob eine Nachsanierung überhaupt möglich ist oder ob Monitoring als Alternative in Betracht kommt.
Bei Nachforderungen empfiehlt Dr. Gerhold folgendes praktisches Vorgehen:
- Nutzen der notwendigen Anhörung
- Klären der Störerfrage
- Auswerten der Erstsanierungsverträge
- Betrachten des Einzelfalls
- Ggf. Einlegen von Rechtsbehelfen
Zwar wird die Problematik durch die weitgehende Umsetzung der VAwS in Deutschland etwas relativiert, aber es besteht zumindest die Gefahr, dass Wasserwerke Schadensansprüche gegen Verursacher richten. Der § 22 des Wasserhaushaltsgesetzes „Haftung für Änderung der Beschaffenheit des Wassers“ ist ein scharfes Schwert.
Mit Dr. Ekkehard Schulte-Körne von der Oxeno Olefinchemie GmbH im Chemiepark Marl kam ein MTBE-Hersteller zu Wort, wobei auch diese Produktion im 3. Quartal 2005 auf ETBE umgestellt worden ist. Neben Aspekten der Toxikologie und der Verwendung der Benzinadditive beleuchtete Schulte-Körne die Produktion von MTBE/ETBE. Weltweit werden 25-30 % der Methanolproduktion für die Herstellung von MTBE genutzt, und es handelt sich um eine der am besten untersuchten Chemikalien. Die Hauptemissionen entstehen bei der Verwendung des Produkts als Benzinzusatzstoff, weiterhin bei der Reinigung des sog. Tank Bottom Water von Benzinlagertanks, aus der Tankschiffreinigung sowie aus undichten Tanks. Die Produktion von MTBE verursacht weder Emissionen in die Luft noch in das Wasser. Diese Behauptung wurde zumindest für die Oxena-Anlage in Marl im Vortrag von Prof. Wilhelm Püttmann von der Universität Frankfurt bestätigt, der über Untersuchungen in Fließgewässern berichtete und bestätigte, dass es in der Nähe des Chemieparks Marl weder in der Lippe noch im Weser-Datteln-Kanal signifikante Peaks gebe, wohl aber beim Benzol. Bei einer weltweiten Produktion von mehr als 20 Mio. Tonnen jährlich beläuft sich die Produktion in der EU mittlerweile auf etwa 3,5 Mio. t/a, wobei ein dramatischer Marktrückgang wie in den USA nicht erwartet wird, auch wegen der Konsequenzen aus der erwähnten EU-Richtlinie 2003/30/EG.
Die meisten Produktionsanlagen in Europa sind Kombinationsanlagen in Raffinerien, wobei als deutsche Eigenheit Anlagen von mehreren Mineralölgesellschaften gemeinschaftlich betrieben werden. Die Umstellung auf ETBE ist in Deutschland fast abgeschlossen, auch in anderen EU-Ländern wird zum großen Teil umgestellt. Interessant in diesem Zusammenhang, dass die Schweiz als Nicht-EU-Land beim MTBE bleibt. Im Rhein wird ETBE inzwischen im Bereich von 150-200 ng/l nachgewiesen.
Um die Hintergrundbelastung mit MTBE in Fließgewässern und die immer wieder gefundenen Peaks ging es im Vortrag von Prof. Wilhelm Püttmann, der eine Professur für Umweltanalytik am Institut für Atmosphäre und Umwelt der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt innehat. Seit einigen Jahren werden neben Niederschlägen zahlreiche Proben aus Fließgewässern auf MTBE analysiert; das Landesamt für Umwelt NRW misst seit 2002 MTBE kontinuierlich an der Messstelle Kleve-Bimmen am Niederrhein. Festzustellen ist, dass beispielsweise im Rhein wie auch im Main MTBE im Nanogrammbereich ständig nachweisbar ist. Während die Grundbelastung der Oberflächengewässer mit MTBE im Bereich <100 ng/l mit Einträgen durch Niederschlag, Oberflächenabfluss und kommunale Kläranlagen zu erklären ist, hat sich die mittlere Belastung in Rhein und Main über die Jahre von etwa 100 ng/l auf Werte um 250 ng/l erhöht. Sorge bereiten zwei spezielle Aspekte, die MTBE-Wellen im Rhein und Main sowie die hohen Punkteinträge. Zwar ist eine Quantifizierung der Eintragsstellen wegen geringer Datenmengen nicht seriös, aber auffällig ist, dass im Rahmen einer Beprobung des Rheins an zwei aufeinander folgenden Tagen im November 2000 zwischen Schaffhausen und Wesel die höchste Konzentration an MTBE mit nahezu 400 ng/l bei Karlsruhe gemessen wurde, unterhalb mehrerer Raffinerien und eines der größten MTBE-Produzenten. Die Anlage produziert inzwischen ETBE; eine demnächst bevorstehende Beprobung auf diesen Stoff soll Klarheit bringen, ob ein Zusammenhang zwischen Produktionsanlage/Tanklager und den im Rhein gemessenen Konzentrationen besteht. Zusätzlich können kontinuierliche Einträge z.B. über das Grundwasser zu deutlich höheren MTBE-Konzentrationen in großen Flüssen führen. Allerdings konnten nur wenige Punktquellen in Flussnähe bisher identifiziert werden.
Für die diskontinuierlich auftretenden MTBE-Wellen sind temporär wirksame Punktquelen verantwortlich, die bisher nicht eindeutig geklärt sind. Infrage kommen Tankreinigung bei Schiffen oder industrielle Abwässer, z.B. aus Industrien, die MTBE als Lösemittel einsetzen. Bild X zeigt MTBE-Wellen, die am Niederrhein zwischen Mai 2002 und Mai 2003 gemessen worden sind; sie erreichen Peaks von bis zu 25 µg/l. Auch die niederländische Vereinigung der Wasserwerke berichtet in ihrem Vewin/Kiwa-Bericht 2005 über eine steigende Zahl von MTBE-Wellen zwischen 2000 und 2004, wobei der Median an MTBE-Konzentrationen von 0,19 auf 0,38 µg/l gestiegen ist, sich also verdoppelt hat.
Die MTBE-Problematik für die Trinkwassergewinnung vertiefte Prof. Dr. Heinz-Jürgen Brauch vom TZW Karlsruhe, der die Position der Wasserwerke am Rhein vertrat. Er berichtete über den steigenden Level, eine deutlich steigende Basisbelastung und steigende Gehalte im Uferfiltrat (von 0,2 ng/l auf inzwischen 2,5 ng/l. Nach dem Übergang auf ETBE misst das LUA NRW in Kleve-Bimmen inzwischen auch ETBE mit einem deutlichen Anstieg im zweiten Halbjahr 2005. Natürliche oder naturnahe Verfahren der Wasseraufbereitung sind nicht zur MTBE-Entfernung geeignet, auch erweiterte Verfahren wie Ozonung oder Aktivkohlefiltration eliminieren MTBE nicht vollständig. Die Anwendung von Advanced Oxidation Processes (AOP) wie die Kombination Ozon/Wasserstoffperoxid kann MTBE reduzieren; allerdings liegt die dafür erforderliche Dosis deutlich über den derzeit verwendeten Ozondosen.
MTBE gehört nach Auffassung der Wasserwerker nicht in das Wasser. Ihre Forderung: die Einstufung von MTBE als wassergefährdend.
In Großbritannien wird ebenfalls mit einer Verschiebung in Richtung ETBE gerechnet. Die im Vergleich zu den USA niedrigen Gehalte an MTBE im Ottokraftstoff wird nicht zu gravierenden Trinkwasserproblemen führen, wie Gordon Lethbridge von Shell Global Solutions betonte. Er ist bei der Altlastengruppe des Konzerns für Technologieentwicklung zuständig. Ein weiterer Unterschied liegt in der Tatsache, dass in Großbritannien Trinkwasser weitgehend aus Grundwasser gewonnen wird, das nicht oberflächennah, sondern aus großen Tiefen gefördert wird. Lethbridge berichtete über ein Untersuchungsprogramm, bei dem 837 Tankstellenareale auf MTBE untersucht worden sind. Bei etwa einem Viertel wurde MTBE nachgewiesen, aber nur 40 davon lagen im Interessensbereich der Trinkwasserwerke. Lediglich sechs Standorte befanden sich in Trinkwasserschutzzonen, sodass insgesamt MTBE kein allzu großes Problem für die öffentliche Wasserversorgung sein dürfte.
Auf den Streifzug von Dr. Dieter Stupp durch die möglichen Sanierungsverfahren wird hier nicht weiter eingegangen, dazu gibt es ab Seite TTXX dieser Ausgabe einen gesonderten Beitrag. Gleiches gilt für die Vorstellung der MTBE-Sanierung am Standort Leuna von Dr. Michael Endriszewitz, dem Leiter der Berliner Niederlassung der Bauer Umweltgruppe.
Am gleichen Standort, der ehemaligen Leuna-Raffinerie, befindet sich der Modellstandort SAFIRA Leuna, an dem der Einsatz von Enhanced Natural Attenuation (ENA) zur Verbesserung des natürlichen Abbaus von MTBE untersucht wird. In Leuna wurde seit Ende der 70er-Jahre MTBE in teils erheblichen Tonnagen produziert und dem Benzin zugesetzt. Durch Leckagen bei der Abfüllung und Verladung gelangten große Mengen ins Grundwasser, meist gemeinsam mit MKW und anderen Kraftstoffkomponenten. Während die meisten Schadstoffkomponenten durch NA-Prozesse sich nur langsam ausbreiten, hat sich das mit MTBE kontaminierte Grundwasser inzwischen auf einer Fläche von 900.000 m² mit 2 km Fahnenlänge ausgedehnt, die aber inzwischen als stationär angesehen wird. Dr. Marion Martienssen vom UFZ Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle stellte die Aktivitäten des F+E-Vorhabens vor und berichtete über die vier potentiell geeigneten biologischen Verfahren, die hier untersucht werden. Eines der Ziele besteht darin, die Leistungen und Grenzen der unterschiedlichen Verfahren zu erkunden. Über das dort eingesetzte Konditionierungsrinnenbauwerk zur Einstellung der jeweiligen Milieubedingungen und zur Durchmischung ist bereits in der letzten TerraTech berichtet worden [2]; außerdem findet sich ein ausführlicher Beitrag über den Stand der Labor- und Feldstudien im Tagungsband zum 7. DECHEMA-Symposium „Natural Attenuation“ 2005 [3] und im Standortkompendium zum BMBF-Verbundvorhaben KORA [4].
Schlussbemerkungen
Aus der Sicht des Berichterstatters war das Symposium informativ und durch das breit angelegte Spektrum der Beiträge und auch der Referenten ausgewogen. Folgende Punkte sind haften geblieben:
MTBE und ETBE gehören zu den meist produzierten Chemikalien weltweit.
Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Verringerung von Emissionen aus dem Kfz-Verkehr.
Sie sind derzeit nicht als krebserregend für den Menschen eingestuft, nicht als giftig oder in den betrachteten Dosen nicht als gesundheitsschädlich einzustufen.
Den Vorgaben der EU, Emissionen des Straßenverkehrs durch Zugabe von bis zu 15 % Oxygenaten zum Benzin zu senken und der Rohölabhängigkeit durch Beimischung von Biokraftstoffen (ETBE) zu begegnen, fehlt die ganzheitliche Betrachtung: Vorteile bei Emissionen und Rohölverbrauch werden mit Umweltschäden im Wasser erkauft. War die Suche nach anderen infrage kommenden Stoffen ausreichend?
MTBE und bald auch ETBE werden vorwiegend durch den bestimmungsgemäßen Verbrauch in der Umwelt verteilt. Die Stoffe sind in steigenden Konzentrationen in Oberflächengewässern und auch im Grundwasser zu finden. Da gehören sie nicht hin.
Neben Bayern und Rheinland-Pfalz sollten auch die anderen Bundesländer dazu übergehen, MTBE (und ETBE) in ihr Grundwasseruntersuchungsprogramm aufzunehmen.
Da MTBE sich beim Eintrag in das Grundwasser die anderen Bestandteile des Benzins wie MKW und BTEX sehr schnell hinter sich lässt und die MTBE-Fahne sich wesentlich schneller ausbreitet, weil MTBE sehr gut wasserlöslich ist, es kaum eine Anlagerung an die Bodenmatrix gibt und in kurzer Zeit keine relevanten Abbauvorgänge stattfinden, ist bei Schadensfällen schnelles Handeln angezeigt. Zuwarten bei MTBE-Schäden kostet später sehr viel mehr Geld.
Sowohl Schweizer Forscher als auch die Wissenschaftler des METLEN-Projekts in Leuna haben festgestellt, dass MTBE unter bestimmten Voraussetzungen doch biologisch abbaubar ist.
Bis diese Mechanismen ausreichend untersucht und praktisch anwendbar sind, muss man sich bei Schadensfällen mit den im Symposium vorgestellten Verfahren auseinandersetzen. Dazu gibt es in dieser Ausgabe zwei weitere Beiträge, darunter den des Gastgebers der Veranstaltung, der über Erfahrungen aus der Praxis berichtet.
Literaturhinweise:
[1] Schirmer, M.; Effenberger, M.; Popp, P.; Weiß, H.: Methyltertiärbutylether (MTBE) als Benzininhaltsstoff – Probleme mit dem „Natural-Attenuation“-Ansatz bei Benzinschadensfällen. In: Natural Attenuation, Resümee und Beiträge zum 2. Symposium Natural Attenuation am 7./8.12.2000. DECHEMA e.V., Frankfurt/M.
[2] Schmitz, H.J.: NA-Symposium und KORA-Statusseminar. WLB 50 (2006) Nr. 1-2, Supplement TerraTech, S. TT 18 – TT 21
[3] Martienssen, M. et al.: Einsatz von ENA zur Verbesserung des natürlichen Abbaus von MTBE am Standort Leuna. In: Natural Attenuation, Resümee und Beiträge zum 2. Symposium Natural Attenuation am 7./8.12.2000. DECHEMA e.V., Frankfurt/M.
[4] KORA-Projekt-Nr. 1.1: Raffineriestandort Leuna-Werke, Sachsen-Anhalt. KORA-Standortkompendium 2005. DECHEMA e.V., Frankfurt/M.
